Tagesarchiv für 24. Mai 2009

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Mit dem Feldstecher auf Elchsafari

Sonntag, den 24. Mai 2009
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Norwegen: Rund um das Gudbrandstal spielen die Tiere neben der Romanfigur Peer Gynt eine gewichtige Rolle

MAZ, 23.5.2009

Der Sommer ist recht kurz im norwegischen Süden. Doch interessante Museen, Festspiele und grandiose Natur wirken hier wie ein Magnet.

Olympia, Elche, Peer Gynt. Drei Stichworte zum Thema Norwegen. Das vierte ist neu: die Grand-Prix-Eurovision-Gewinnernation. Nicht nur im Winter, wenn die Skipisten rund um das Gudbrandstal zum Fahrspaß einladen, lohnt es sich, in das skandinavische Land zu reisen. Die atemberaubenden Landschaften, die gewaltigen Panoramen entlang des Flusses Gudbrandsdals-Lågen lösen bei Wanderern, Radlern und Paddlern wohlige Schauer aus. Die Berge rund um das Tal erstrecken sich in eine Höhe bis zu 1500 Metern.

Peer Gynt empfängt die Touristen in Form einer Statue gleich am Bahnhof von Vinstra. Die von Henrik Ibsen erschaffene literarische Figur des Peer Gynt spiele genau dort, im Gudbrandstal nordwestlich von Oslo, eine entscheidende Rolle. Straßen tragen seinen Namen, Schulen und sogar Einkaufszentren. 1867 veröffentlichte Ibsen sein Werk.
Seit 1928 finden in der Region jährlich die Peer-Gynt-Festspiele statt. Die Norweger kommen im Juli und August zur Freilichtbühne in der Nähe des Dorfes Gålå. Für die Aufführungen spielt die Natur eine große Rolle. Während die Zuschauer die Schlachten beobachten, kommen die Schauspieler per Schiff vom Wasser auf die Bühne. Die untergehende Sonne ist Teil des Spiels. Ein Naturschauspiel. Idyllisch liegt die Bühne direkt am See. Während der Ruhepause außerhalb des Sommers grasen dort die Schafe, die in Norwegen scheinbar überall frei rumlaufen. Seit 1989 wird „Peer Gynt“ am Gålåsee aufgeführt, inzwischen gibt es beim Festival drei Freilichtbühnen. Es ist das Sommerspektakel der Norweger. Am zwölftägigen Festival sind 120 Künstler und 300 Freiwillige beteiligt. Die Eintrittskarten sind begehrt. 2008 kamen etwa 25 000 Besucher. Wenn der Vorverkauf am 1. Oktober jeden Jahres beginnt, werden schon mal 18 000 Tickets innerhalb von nur drei Stunden verkauft.

Über die Europastraße 6, die sich von Süd nach Nord durch Norwegen erstreckt, geht es weiter nach Lillehammer, immer am Gudbrandsdals-Lågen entlang. Wenn die Sonne in einem bestimmten Winkel ins Tal scheint, bildet sich so mancher tiefhängender Regenbogen. Zum Zugreifen nah.
In Lillehammer fällt der Blick auf die Skischanze Lysgårdsbakkenedie – das Symbol der Olympischen Spiele von 1994. Die Anlage thront über der kleinen 20 000-Einwohner-Stadt. Sportler, die oben den Abflug wagen, haben jedoch kaum Sinn für den tollen Ausblick.
Ein paar Schritte vom Skisprungzentrum entfernt steht das Olympische Museum. In der Håkons Hall wurde 1994 auch das Eishockeyturnier ausgetragen. Heute nutzen Handballer, Volleyballer und Badmintonspieler die Arena. In den Fluren sind Schautafeln aufgestellt, auf denen über alle bisher stattgefundenen Olympischen Spiele der Neuzeit erzählt wird. Liebevoll gestaltet, aus norwegischer Sicht und auch für Touristen erkenntnisreich: So wird darüber informiert, dass Berlin 1916 die Winterspiele austragen wollte. Wegen des Ersten Weltkrieges wurde die Veranstaltung abgesagt. Auch die Spiele von 1994 in Lillehammer finden dort ihren Platz – mitsamt der Geschichte des Carrigan-Harding-Eislaufskandals, dem Zickenkrieg der Eisläuferinnen. Die Norweger lachen heute drüber.

Ein echter Sport ist auch die Elchsafari, zu der die Touristen in den Bergen über Lillehammer starten können. Durch das Gebiet führen schmale Privatstraßen, für die eine Maut von 150 Kronen (20 Euro) berappt werden muss. Im Winter ist alles dicht, dann verlaufen dort die Skiloipen. Peter, der dänische Fahrer und Elchexperte, sieht der Safari gelassen entgegen: Von 25 Fahrten mit Touristen sei nur eine elchfrei geblieben. Bis zu 980 Meter hoch in die Berge führt der Weg. Die Elche hätten keine Angst vor den Autos, sagt Peter. „Wenn wir einem begegnen, müssen wir im Bus bleiben.“
In Norwegen leben etwa 200 000 Elche. Etwa 10 000 sterben jährlich bei Unfällen mit Autos oder der Bahn. Peter ist in seinem Element, hat viel zu erzählen: „Während Olympia 1994 sind die Elche ein echtes Problem gewesen. Alle zwölf Minuten fuhr ein Zug von Oslo nach Lillehammer. 15 000 Soldaten sind als Streckenposten an den Gleisen eingesetzt worden.“ Ein Zusammenprall zwischen einem Zug und einem Elch kostet wertvolle Fahrtzeit. „Das hätte ein Chaos ausgelöst“, sagt Peter. „So ist aber nichts passiert.“
Noch eine Anekdote: „Am Tag vor der Olympia-Eröffnung sind in Lillehammers Hauptstraße drei Elche gesichtet worden. Die Reporter haben das für einen Gag gehalten.“ Peter lacht: „Es war aber keiner.“ So weit also die Geschichten. Und wo sind die Elche? Der Bus tuckert weiter über die Bergstraßen. Eine weite Prärie mit Nadelbäumen, Wiesen und Hügeln am Wegesrand. Aber kein Elch. Zwischenstopp. Mit Feldstechern beobachten die Touristen die Gegend. Nichts. Immer noch kein Elch. Nur Schafe.
Weiter geht’s. Es ist ruhig geworden im Kleinbus. Alle starren raus. Links, rechts. Nervös, gespannt, ruhig. Peter hält erneut an, lugt durch seinen Feldstecher. Immer noch nichts. Weites Feld.
Nach zweistündiger Safari ist keines der Tiere zu sehen. Das ist dann wohl Fahrt Nummer zwei ohne Elch. Bei Svartseta stoppt der Wagen an einer Almhütte, in der Peters Frau ein Abendbrot herrichtet. Aber eine Elchsafari ohne Elch? Nein, nicht ganz. Auf dem Almhüttengrundstück stellt Peter einen zweiten Feldstecher auf, ein gewaltiges Fernrohr. Und da hinten – ganz in der Ferne, nur durchs Glas erkennbar: ein äsender Elch. Der Beweis. Es gibt sie. Irgendwo da draußen.

Nach dem Abendbrot dann der einstündige Rückweg durch die inzwischen eingebrochene Dunkelheit nach Lillehammer. Kein Elch im Scheinwerferlicht. Nur Insekten. Wenn wir das nächste Mal nach Norwegen kommen, sind die Elche hoffentlich kooperativer.

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RT im Kino

Gran Torino

Sonntag, den 24. Mai 2009

Der Gran Torino. Ein schönes Auto. Und Walt Kowalski (Clint Eastwood) hat daran mitgebaut. Das war 1972. Lange her. Jetzt ist er alt und grantig. Und allein. Gerade ist seine Frau gestorben, der Kontakt zu den beiden Söhnen ist nicht gerade herzlich.
Nun sitzt Walt auf seiner Terrasse und trinkt sein Bier und … ist genervt. Von seinen Nachbarn. Alles Schlitzaugen, wie er sagt. Wie überhaupt in der ganzen Nachbarschaft nur noch Schlitzaugen zu wohnen scheinen. Er, der alte, weiße Ami, scheint ganz allein in seinem Viertel zu sein.
Seine Vorurteile scheinen sich dann auch noch zu bestätigen: Eines Nachts erwischt er den jungen Thao (Bee Vang) beim Klauen des Gran Torino. Bald erfährt Walt: Es war eine Mutprobe – für eine brutale Bande. Die sorgt für Angst und Schrecken in dem Viertel, und Walt will eingreifen.

Mit “Gran Torino” meldet sich der Altmeister des Films, Clint Eastwood, höchst eindrucksvoll zurück. Erzählt wird die Geschichte eines alten Grandlers, der sich auf seine alten Tage plötzlich mit dem vermeindlichen “Feind” anfreundet und sich dadurch auch klar wird, was er in seinem bisherigen Leben falsch gemacht hat. Eine Story voller Witz, beißendem Humor auf der einen Seite, Wärme und Herzlichkeit auf der anderen. Ein Mann, der am Ende nur noch wenig zu verlieren, aber viel zu geben hat.
Eastwood zeigt eine andere Seite der USA. Gegenden, in denen scheinbar kaum noch Ur-Amis leben, in der neue Lebensweisen ausgelebt werden – inklusive Bandenkrieg und Provokationen. Andererseits führt er uns aber auch den Versuch einer Annährung: zwischen den Kulturen und zwischen den Generationen. Und es ist ein Erlebnis, sich das anzusehen.

9/10

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RTelenovela

Berlin feiert auf der Grundgesetzfanmeile – mit ganz viel Crepes

Sonntag, den 24. Mai 2009
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Bei der Bundespräsidentenwahl hatte das Volk wenig (nein: nichts) zu sagen. Beim Festakt zum 60. Geburtstag des deutschen Grundgesetzes ging es auch eher getragen zu – doch heute durften die Berliner dem Affen mal ordentlich Zucker geben. Oder auch Pflaume. Kai Pflaume nämlich. Der moderierte die große Bühnenshow am Brandenburger Tor – an der langen Grundgesetzfanmeile.
Unzählige Zelte mit unzähligen Bundeseinrichtungen, Ministerien oder Vereinigungen zeigten an der Straße des 17. Juni, wozu sie da sind und was sie so machen. Eingerahmt von ganz vielen Crepes-Ständen. Crepes scheinen das neue Nationalgericht der Deutschen zu sein. Zumindest auf der Grundgesetzfanmeile waren die Crepes sehr, sehr gut, schon ziemlich überproportional vertreten.

Wir feierten also, dass unser Land seit 60 Jahren existiert (wenn wir auch hier im Osten erst fast 19 Jahre Vereinsmitglied sind). Der 23. Mai scheint also ein wichtiger Tag für Deutschland zu sein.
war das vorher jemandem bewusst? Also, mal abgesehen von den fünfjährlichen Bundespräsidentenwahlen? Dieser tag ist noch nicht mal im Kalender vermerkt. Warum ist der 23. Mai eigentlich kein Feiertag? Wo es doch eigentlich der wirkliche, echte Geburtstag ist? Stattdessen feiern wir am 3. Oktober, einem willkürlich gewählten Termin für die Deutsche Einheit.
Wobei: Wir können auch gern zweimal feiern, da habe ich nichts dagegen. Aber so oder so sollte der 23. Mai noch stärker ins Bewusstsein der Menschen gerückt werden. Vielleicht ist das ja diesmal ein wenig mehr geglückt. Mit Crepes und Pflaume.

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