Tagesarchiv für 10. November 2007

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Wechselbad der Gefühle auf dem Yangzi

Samstag, den 10. November 2007
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Kreuzfahrt auf dem längsten Fluss Asiens / Staudammbau zeigt Auswirkungen auf die Schluchten

MAZ, 10.11.2007

Der Yangzi in China. Mit 6380 Kilometern der längste Fluss Asiens. Voller Gegensätze, die zwiespältige Eindrücke hinterlassen. Mit einem Ausblick auf unglaublich beeindruckende Schluchten. Auf neue, moderne Städte. Und zwischendurch pure Einsamkeit. Trotzdem ist die große Problematik des Landes immer im Hinterkopf: der große Staudamm. Die Flutung. Die Umsiedlungen von Millionen Menschen.
Jeden Tag führt der 31-jährige Liping Zhou Touristen über das Gelände des großen Drei-Schluchten-Staudamms. Ein wuchtiges Bauwerk am Yangzi. Die Betonwüste ist 2335 Meter lang, die Staumauer 185 Meter hoch und 18 Meter breit. Das Wasser steht bereits gut 150 Meter hoch. Voraussichtlich 2009 folgt die letzte Staustufe, das Wasser wird noch einmal um rund 25 Meter ansteigen. 13 Städte wurden bereits überflutet, 21 neu gebaut. Fast 24000 Hektar Land gingen bereits unter.
Liping Zhou profitiert vom Staudamm, wie er selbst sagt. Nicht nur, dass er Arbeit hat. In der Stadt Sandouping, nur wenige Kilometer vom Damm entfernt, hat er auch ein neues Zuhause. Größer als sein Altes. Modern eingerichtet. „Das kannte ich vorher nicht“, sagt er. Und dennoch: Der Bau der Talsperre ist umstritten. Weltweit. Denn längst nicht jeder Betroffene möchte einfach so seine Heimat verlassen. Denn einerseits soll so der Yangzi unter Kontrolle gehalten, die Zahl der Überschwemmungen kleiner werden. Auch soll es mehr Strom geben. Viel mehr Strom. Andererseits müssen eben viele Chinesen raus aus ihren Dörfern und Städten. Neuesten Meldungen zufolge betrifft dies nicht nur 1,3 Millionen Menschen, wie bisher angenommen, sondern noch einmal vier Millionen mehr. 60 Prozent zogen in die (mitunter neu gebauten) Städte. Allein 150000 nach Shanghai.
Auch in der Familie von Liping Zhou herrscht nicht nur Freude. Sein Vater verlor seinen Acker, seinen Lebensinhalt. Die Kritik ist groß, auch wenn Zhou sie nicht ausdrückt. Sie vielleicht nicht ausdrücken darf.
All dies bleibt im Gedächtnis. Und wird den Touristen während der Flusskreuzfahrt auf dem Yangzi immer wieder vor Augen geführt. Wenn sie durch die herrlichen Schluchtenlandschaft fahren. Und staunen. Und immer wieder feststellen: In zwei Jahren wird diese Gegend schon wieder ganz anders aussehen.
So ist eine Fahrt auf dem Yangzi so oder so ein einmaliges Erlebnis. Von Yichang in die 32-Millionen-Metropole Chongqing braucht das Flusskreuzfahrtschiff gut vier Tage. Neben der Viking-Cruises-Reederei ist auch Victoria Cruises mit fünf Schiffen auf dem Yangzi unterwegs, das größte und neueste ist die Victoria Anna, erst 2006 in Betrieb genommen.
„Zu 90 Prozent kommen die Passagiere aus den USA“, sagt Kreuzfahrtdirektor Dick Carpentier (66). Sechs Prozent sind Europäer. Die Stimmung an Bord ist entspannt. Schon am frühen Morgen, noch vor dem Frühstück stehen die Passagiere auf dem Oberdeck und sind fasziniert. Der Yangzi schlängelt sich durch die Schluchten, die bis zu 1000 Meter hoch sind. Immer wieder zu sehen: Einzelne Häuser, scheinbar ins Nichts gebaut. Der nächste Nachbar wohnt mehrere Kilometer entfernt.
In Wushan verlassen die Passagiere die „Anna“. Sie wechseln auf ein kleines Schiff zum Ausflug auf den Daning-Fluss. Die Schluchten werden enger, der Fluss wird sauberer – das Wasser ist hier blau – die Natur zeigt sich von einer einzigartigen Seite. Das Wort der Stunde: Wahnsinn! Gleichzeitig ist die Schlucht ein Anschauungsobjekt für die anstehende weitere Flutung. In zwei Jahren wird der Fluss einen rund 25 Meter höheren Wasserstand haben. Die Häuser am Ufer werden überflutet sein, die Menschen woanders wohnen. Die Touristen erfreuen sich unterdessen an den folkloristischen Einlagen auf dem Schiff. Eindrucksvolle Momente.
Auf den Landgängen treffen die Touristen auf Bettler und Händler. Armut und Reichtum prallen im Land der Mitte an vielen Stellen aufeinander. Vor allem in den großen Städten.
Zurück auf dem Yangzi. Mittagessen. Den Touristen an Bord wird ein Mix aus chinesischen und internationalen Speisen angeboten, ein rein landestypisches Essen würde wohl auf Ablehnung stoßen, so Dick Carpentier. Jede Kabine hat einen Balkon, der beste Aussicht auf den Yangzi und die Uferzonen bietet. An die Farbe des Flusses muss sich jeder erst mal gewöhnen: braun. Kurz vor Chongqing fast schon wie Kakao. „Die Wasserqualität macht uns durchaus zu schaffen“, sagt auch Dick Carpentier. Durch den Staudamm fließt das Wasser langsamer, deutlich mehr Dreck und Unrat sammeln sich an.
Der nächste Zwischenstopp ist Fengdu, die Geisterstadt. Und wieder der Staudamm und seine Folgen, eindrucksvoll zu besichtigen. Auf der einen Flussseite stand das alte Fengdu. Hier gibt es heute nur noch eine grüne Wiese, die Häuser wurden abgetragen. Nur noch einzelne Mauerreste sind übrig geblieben. Gegenüber: die neue Stadt. Groß und wuchtig.
Die „City Of Ghosts“, auf dem Mingberg gelegen, gehört zu den Pilgerstätten der Chinesen. Die Tempel sollen den verstorbenen Seelen eine Heimstatt bieten. Die Ehrfurcht ist jedoch nicht allzu stark zu spüren, der Lärmpegel ist hoch.
Dann die letzte Etappe bis zum Ziel der Yangzi-Reise – Chongqing. Volle Fahrt voraus. Bis zum Abend muss die Stadt erreicht werden, etwa 80 Prozent der Crew wohnt in Chongqing. Die Gelegenheit, zu Hause zu übernachten. Die Passagiere an Bord des Schiffes lernen die ersten Brocken Chinesisch (Danke heißt Xie Xie – sprich: Chje chje), schlagen noch einmal beim Essen zu und singen gemeinsam ein Geburtstagsständchen für das 94-jährige Zwillingspaar.
Chongqing empfängt die Passagiere mit einer beeindruckenden Skyline. Mit blinkenden Lichtern an unzähligen Hochhäusern. Bis 23 Uhr – dann wird Strom gespart. Mit der Ankunft in der Großstadt endet eine Reise voller Gegensätze – auf dem Yangzi, einem Fluss der auch in nächsten Jahren von sich reden machen wird.

Informationen:
Anreise: Verschiedene Fluggesellschaften bieten Flüge nach China an, z. B. KLM von Amsterdam nach Chengdu. Von dort aus entweder mit dem Zug nach Chongqing oder per Inlandsflug nach Yichang – je nach Startpunkt der Flusskreuzfahrt.
Einreise: Benötigt werden ein Reisepass, der zur Einreise noch sechs Monate gültig ist, sowie ein Visum, das bis zu drei Wochen vorher beantragt werden sollte. Infos unter: oder 030/88717613 oder www.chinavisium24.de.
Reiseveranstalter: Zumeist wird die Flusskreuzfahrt im Rahmen einer China-Rundreise gebucht. Informationen bietet jedes Reisebüro. Flusskreuzfahrten werden von mehreren Veranstaltern angeboten, zum Beispiel von Viking Cruises oder Victoria Cruises. Eine Fahrt von Yichang nach Chongqing kostet beispielsweise in der Standardkabine der „Victoria Anna“ oder der „Victoria Katarina“ etwa 605 Euro in der Nebensaison und während der Hauptsaison etwa 636 Euro. Ohne An- und Abreise, der Preis beinhaltet jedoch alle Mahlzeiten. Die komplette Strecke von Chongqing nach Shanghai kostet zwischen 968 und 1037 Euro. Infos: www.victoriacruises.de.
Sehenswürdigkeiten: Während der Flusskreuzfahrt Besichtigung des Drei-Schluchten-Staudamms, danach mehrstündige Schleusenfahrt. Danach gleitet das Schiff auf dem Yangzi durch die hohen Schluchten. Ausflug per Motorschiff auf den Daning-Fluss. Besichtigung der Geisterstadt Fengdu. In Chongqing empfiehlt sich ein Besuch des Architekturmuseums mit einem Modell der Stadt im Jahr 2020. Der Pavillon im „Pipa-Shan-Park“ ist mit 220 Metern der höchste Punkt der Stadt. Auf dem Platz des Volkes treffen sich am Abend Hunderte Chinesen zum Tanz.
Auskunft: Chinesisches Fremdenverkehrsamt, Tel.: 069/52 01 35, www.china-tourismus.de

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