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Freiluftsex im Briesetal

In „Die Liebesprüfung“ ist die S-Bahn-Linie 1 das Zünglein an der Waage


MAZ Oranienburg, 23.2.2006

OBERHAVEL

Alle 20 Minuten fährt die S-Bahn auf der Linie 1 von Oranienburg in die Berliner Innenstadt. Viele Menschen aus Oberhavel benutzen die S1 jeden Tag, sie gehört fast schon zu ihrem Leben. Bis Wannsee sind es 34 Stationen. Haben Sie sich auch schon mal überlegt, was Sie eigentlich mit den einzelnen Bahnhöfen an der S1 verbinden? Mit Birkenwerder? Waidmannslust? Nordbahnhof?
Diese Frage stellt sich das Paar Johannes Raschauer und Hanna Finkbeiner in dem Roman „Die Liebesprüfung“, erschienen im dtv. Die beiden haben Krach. Die Beziehung droht auseinanderzubrechen. Oder besser: Sie haben keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Trennung? Oder wieder versöhnen – und heiraten?
Johannes und Hanna treffen eine Verabredung. Johannes setzt sich in Wannsee in die S1, Hanna in Oranienburg. Wenn sie völlig unabhängig voneinander auf derselben Station aussteigen, dann wendet sich alles zum Guten. Beide treffen sich mit ihren besten Freunden und beraten, gehen jede einzelne S-Bahn-Station durch. Überlegen, was sie dort erlebt haben, was sie mit diesem Ort verbindet – oder nicht.
Oranienburg zum Beispiel. Hierher führte sie ihr erster gemeinsamer Ausflug im Frühjahr 1990. Für Johannes nicht einfach: Sein Opa war SS-Obersturmbannführer im KZ Sachsenhausen. Eigentlich wollte er deshalb nie nach Oranienburg. Doch Hanna kann ihn überreden. Sehr unsauber war 1990 noch der Oranienburger Bahnhof. Zitat aus dem Buch: „Sie durchquerten das Empfangsgebäude (…), das eine einzige Bedürfnisanstalt zu sein schien.“ In einem Eiscafé am Lehnitzsee gehen sie schließlich ein Eis essen.
In Lehnitz erinnern sich sich an den kahlen S-Bahnsteig. Hergekommen sind sie damals, um einmal um den See herumzulaufen. Unbedingt ansehen wollten sie sich das Haus von Friedrich Wolf. Im Lehnitzsee musste Johannes schließlich noch einen Ertrinkenden retten.
In Borgsdorf, in der Breitscheidstraße, wohnt Johannes’ „Ostverwandtschaft“. Und Hanna bestand darauf, sie mit der S-Bahn zu besuchen. Gemischte Gefühle bekommen beide, wenn es um Birkenwerder geht. Vom Bahnhof aus wollten sie an einem Sonnabend im Juni 1991 zur Clara-Zetkin-Gedenkstätte und danach durch das Briesetal nach Wandlitz laufen. Leider haben sie sich dort getrennt voneinander verlaufen. Erst in Wandlitz fanden sie sich wieder – und hatten dann den bis dahin besten Freiluftsex ihres Lebens. Wenn das keine gute Erinnerung ist…
Ähnlich sieht es in Hohen Neuendorf aus. Dort besuchten sie Mitte Mai 1992, sie mussten mit der S-Bahn noch den Umweg über Mühlenbeck-Mönchmühle fahren, ihren Freund Martin. Dort übernachteten sie auch – und zeugten ihren Sohn Raffael.
So geht das Spiel munter weiter über Frohnau, Hermsdorf bis hin nach Wannsee. Überall gibt es Geschichten, Erinnerungen. Am Ende überlegen Johannes und Hanna, ob diese Station für ein Treffen in Frage käme.
Autor Horst Bosetzky, bekannt für seine in Berlin spielenden Geschichten, hat sehr geschickt Geschichten rund um die S-Bahn-Linie 1, ihre Historie, die Orte und ihre Sehenswürdigkeiten sowie die Story um das junge Paar zusammengemixt.
Hin und wieder ist es zwar sehr verkrampft und aufgesetzt, dass Johannes und Hanna zufälligerweise überall da hinwollen oder waren, wo es tatsächlich etwas zu sehen gibt. Dennoch lernt der Leser etwas über die S-Bahn und die Orte, die sie anfährt. Ziemlich langweilig ist allerdings der Titel des Buches, „Die Liebesprüfung“, sowie das Cover – nichts sagend. Ein ideales Buch für eine Fahrt mit der S1.
Wie sich Johannes und Hanna entscheiden. Das bleibt an dieser Stelle offen…

Horst Bosetzky: Die Liebesprüfung, dtv premium, 295 Seiten, 14,50 Euro.

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