Tagesarchiv für 25. Juni 1999

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Zehn Monate beim Bund – ein Fazit

Freitag, den 25. Juni 1999
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Zehn Monate Bundeswehr. Eine lange Zeit ist zu Ende gegangen. Was wird bleiben? Welche Erinnerungen werden sich tief in mein Gehirn eingraben? Sind es eher die positiven oder die negativen? Die harten Anstrengungen oder das langweilige Rumgammeln?
Während der achtwöchigen Allgemeinen Grundausbildung (AGA), die ich in Havelberg absolvierte, lernt man zunächst, daß bei der Bw Abkürzungen das A und O sind. Und natürlich auch, daß man selbst ein Nichts ist. Nach den ersten Stunden und Tagen war ich erst mal völlig fertig. Ständig wurde man angebrüllt, wenn man mal wieder was falsch gemacht hatte.
Zur Einkleidung in Burg lief im Radio „In the Army now”, was nicht gerade zur guten Stimmung beigetragen hat. Und die Verwandlung vom Zivilisten zum Uniformierten ist wirklich erschreckend. Dann wurde das volle Programm durchgezogen. Formaldienste (Marsch in der Formation), AMiLa (Allgemeines Militärisches Lauftraining), 20-km-Gewaltmärsche, Gewehre auseinandemehmen und wieder zusammensetzen (in Rekordzeit!), sich in diversen Unterrichten zulabern lassen und abends fertig ins Bett fallen.
Schön waren auch die Zeltausflüge, genannt BIWAK („Blöde Idioten warten auf Krieg”). Unter anderen nach Klietz und Wesendorf. Man durfte sich mit einem netten Kameraden ein kleines Zelt („Hundehütte”) teilen, Löcher („Stellungen”) in die Wiese buddeln und auf einen nicht vorhandenen Feind warten. Und nach einer Woche konnte man sich auch wieder waschen.
Das feierliche Gelöbnis ist eigentlich auch eine nette Sache. Da durften wir in Strausberg über eine Stunde lang stillstehen und beobachten, wie unsere Kameraden, einer nach dem anderen, in Ohnmacht fielen.
In der folgenden Zeit hatte ich in Prenzlau und Geltow viele ruhige Stunden in diversen Büroräumen. Ich weiß jetzt, wie ein Kopierer, ein Faxgerät oder ein Computer funktionieren. Mit meinem heißumkämpften Bw-Führerschein habe ich die Kasernen Deutschlands kennengelernt. Und natürlich auch deren Küchen. Aber darüber möchte ich hier nicht sprechen. Das Thema ist zu traurig …
Traurig ist aus meiner Sicht auch das Thema Ärzte in der Bw. Eine Sprechstunde bei einem dieser netten Leute bestand oft darin, daß ich ihnen etwas erzählte und er seine Schwester fragte, was denn noch für Medikamente im Schrank seien. Tolle Sache! Als „freier Mensch” hätte ich nicht nur einmal den Arzt gewechselt! Positiv war allerdings die gute Kameradschaft unter den Mannschaftsdienstgraden, besonders während der AGA. Und: Je höher der Dienstgrad, um so lockerer die Leute. Insgesamt wird die Arroganz unter ihnen aber ziemlich groß geschrieben …
Würde ich mich noch mal für den Wehrdienst entscheiden? Ich glaube nicht, denn Zivildienst ist (meistens) doch noch ein wenig sinnvoller.

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