Monatsarchiv für September 1998

RTelenovela

In der AGA (12): Sechs Kilometer

Mittwoch, den 16. September 1998
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Zwei Wochen sind wir nun schon beim Bund. Zwei anstrengende Wochen. Der heutige Tag soll aber relativ ruhig verlaufen. Meinte zumindest der Hauptmann J. beim heutigen Morgenantritt. Wir sollen uns Zeit lassen, uns um Gottes Willen nicht fertig machen.
Heute findet der Sechs-Kilometer-Eingewöhnungsmarsch statt. Und da macht man sich ja überhaupt gar nicht fertig. Zumindest wenn man nicht laufen muss, sondern wie zum Beispiel Oberfeldwebel S. Unser Zugführer fährt die Strecke lieber mit seinem Jeep ab.
Wir nicht. Wir müssen laufen. Schwer bepackt. Auf dem Rücken ein etwa 30 Kilo schwerer Rucksack, der Seesack, mit allem drin, was wir an Bundeswehr-Sachen zwar heute nicht brauchen, aber der Sache wegen trotzdem mitschleppen sollten. Dazu natürlich das Gerödel mit der Munition um die Hüften geschnallt und das G3 an der Schulter liegend.

So marschieren wir also in unseren Gruppen mit je zwölf Mann in einer Zweierreihe. Hier beim Bund nennt man so etwas „Schützenreihe“. Die elf anderen Pioniere meiner Gruppe gehen mit vollem Elan an die Sache ran. Wie die Blöden rennen sie los, als ob es gilt, einen neuen Rekord aufzustellen.
Lustig wird es auch jedes Mal, wenn ein Auto am Horizont auftaucht. Denn die Autofahrer könnten einen Schock bekommen, wenn sie uns Heinis sehen. Oder der böse Feind könnte da gerade in dem Trabant angebraust kommen. Aus diesem Grund müssen sich Soldaten in so einem Fall in die nächste Böschung schmeißen.
Aber eigentlich kann man uns gar nicht erkennen. Schließlich sind ja unsere Stahlhelme getarnt. Da unser Sechs-Kilometer-Weg durch einen Wald führt, muss der Helm dementsprechend bearbeitet werden. Gräser, Blätter, Dreck und was sonst noch so rumliegt werden am Tarnnetz befestigt und schon sind wir getarnt, nicht mehr zu erkennen. So rauscht der Trabi glatt an uns vorbei, ohne dass der Fahrer auch nur Notiz von uns nimmt…

Mann-oh-Mann, sechs Kilometer können ganz schön lang sein. Zumal es hieß, die sechs Kilometer beziehen sich auf den Hin- und Rückweg. Im Moment habe ich das Gefühl, dass sich da wohl irgendjemand gewaltig vertan hat. Oder uns belogen hat. Und wie ich den Laden hier kenne, trifft sowohl das eine als auch das andere zu.
So latschen wir in unserer Schützengruppe, jeder mit seinem schussbereiten G3 in der Hand, durch Feld und Flur.
Ziel unserer kleinen Reise ist der Truppenübungsplatz Nitzow. Und langsam komme ich zur Überzeugung, dass zwischen Havelberg und Nitzow doch ein wenig mehr als sechs Kilometer liegen.

Nun könnte man ja denken: Okay, der Weg ist weit, die Soldaten sind erschöpft und das Tempo drosseln. Wer das denkt, hat nun wirklich keine Ahnung. Mit einem Affenzahn geht’s weiter. Ich bin das letzte Glied in der Schützenreihe und kann nicht mehr lange mithalten. Ich bin völlig am Ende. Der blöde Rucksack liegt mir wie ein Stein auf dem Rücken, meine Hand und mein Arm sind durch das Gewehr, das auch nicht gerade leichter wird mit der Zeit, schon ganz taub.

Doch das Highlight liegt noch vor uns. Durch den Wald führt ein Weg mit wunderbaren Zuckersand, der vermutlich als Schutz vor Waldbränden dient. Ich meine, das mal gehört zu haben. Jetzt denke ich allerdings, dass er ausschließlich dazu dient, uns junge Wehrpflichtige zu quälen.

Aus dem Augenwinkel sehe ich am Wegesrand einen Jeep herumstehen. Eindeutig die Karre von Oberfeldwebel S., der wohl beobachten will, ob seine Methode uns fertig zu machen, funktioniert hat. Mit verschränken Armen und einem Grinsen lässt er uns an sich vorüberziehen.

Und dann, oh Wunder, gehen wir auf eine Schranke zu. Wir haben den Truppenübungsplatz erreicht. Ich bin zwar nicht mehr so ganz Herr meiner Sinne, aber eines weiß ich: Das waren nie und nimmer sechs Kilometer! An meinem rechten Fuß scheint sich eine Blase zu bilden. Angesichts dessen, dass wir den ganzen Weg heute Nachmittag auch wieder zurück müssen, könnte das zu einem echten Problem werden.

Natürlich sind wir nicht hierher gelaufen, um Urlaub zu machen. Wir haben hier auch wichtige Aufgaben zu erfüllen. Doch zu allererst müssen wir unser Gruppennest beziehen. Oder besser gesagt: Wir müssen es erst mal herrichten. Und das heißt in erster Linie: tarnen. Um unser gesamtes Nest müssen Äste, Zweige und Blätter so herumgebaut werden, dass es einen abgeschlossenen Raum ergibt. Ein Nest eben.
Natürlich dürfen wir unsere Waffen nicht aus der Hand legen – es könnten ja irgendwelche Räuber aus Sachsen vorbeikommen, die die modernen Geräte klauen könnten. Also schnallen wir uns die Teile auf den Rücken und machen uns auf, um im Wald nach Ästen und Zweigen zu suchen. Pilze gibt’s auch, die haben wir aber gefälligst stehen zu lassen, wie G. uns vorher klarmachte.
Am Ende ist unser Gruppennest so abgeschottet, dass es von außen nicht einsehbar ist. Aber es kommt ja sowieso niemand vorbei. Es hat sich jedenfalls keine Touristengruppe angemeldet – und Volker kommt auch nicht.

Rückweg. Nach wunderschönen Stunden auf dem Truppenübungsplatz Nitzow geht es nun wieder die garantiert mehr als sechs Kilometer zurück nach Havelberg.
Und ich habe die Schnauze gestrichen voll. Ich kann nicht mehr. Ich weiß überhaupt nicht, wo die anderen bloß die Energie hernehmen, auch dieses Mal mit einem Wahnsinnstempo durch die Natur zu hetzen.
In der Schützenreihe war ich auch jetzt wieder das letzte Glied, die Bezeichnung „letzter Arsch“ würde allerdings besser passen. Nach und nach haben sich Unteroffizier Beständig und meine elf Kameraden von mir abgesetzt. Tja, dann kann ich mir ja auch Zeit lassen. Und das mache ich jetzt auch. Ich drossele mein Tempo so, dass ich wieder einigermaßen atmen kann. Die anderen verschwinden unterdessen hinter der nächsten Kurve. Toll, das war’s! Im Krieg würde ich jetzt wahrscheinlich den feindlichen Kräften in die Hände fallen. Nun gut, wenn sie dann aber mitbekommen, dass ich zu nix tauge, würden sie mich vielleicht wieder freilassen… oder töten. Vielleicht sollte ich doch noch einen Antrag stellen, dass ich hier rauskomme. Das bringt ja alles nix. Ich weiß ja nicht mal, ob und wann ich heute überhaupt wieder in die Kaserne zurückkomme… So ganz allein…
Hinter der Kurve empfängt mich die Gruppe. Einige sehen aus, als ob sie über die zusätzliche Pause extrem dankbar sind. Andere sind eher genervt.
Ich muss nun ganz nach vorne. Und irgendwie ging es dann doch noch. Die Elb-Havel-Kaserne hat uns wieder. Und das StoSanz muss Überstunden machen. Ein Großteil der Soldaten hat sich nämlich eine gehörige Blase am Fuß zugezogen. Oder zwei. Manche auch drei. Da habe ich mit meinem Fuß noch Glück gehabt. Es war wohl ganz richtig, einen Gang zurückzuschalten. Da sehen sie, was sie davon haben, so zu hetzen!

Mittwoch. Beim morgendlichen Antreten auf dem Flur gibt es einige Neukrank-Meldungen!

Glücklicherweise werden unsere Füße heute geschont. Heute müssen die Waffen gereinigt werden, die wir gestern durch die Weite Sachsen-Anhalts schleppen durften. Das ist ein netter Zeitvertreib, wenn man mit kleinen Fläschchen Öl, Läppchen und Kettchen hantieren dürfen. Okay, die G3s sind nicht wirklich dreckig, es sei denn, man hat sie während unseres gestrigen Ausfluges zwischenzeitlich irgendwo hingeschmissen. Wenigstens rostet das G3 nicht so schnell, wenn wir es einölen…

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In der AGA (11): Nachuntersuchung

Montag, den 14. September 1998
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Montag. Die neue Woche beginnt besonders früh. Da man letztens bei mir bei der zweiten Musterung diverse Gebrechen festgestellt hat, muss ich nun richtig untersucht werden. Irgendwie hat man ja immer die leise Hoffnung, dass der Onkel Bundeswehr-Doktor eine schlimme Sache findet und man spontan als T7er eingestuft oder gleich ganz ausgemustert wird. Ein Wunschtraum. Ich weiß.

Um also festzustellen, dass wir kerngesund sind, wurden wir morgens um 5.30 Uhr in einen alten, stinkigen Bus gesetzt, der noch nie eine Sitzpolsterung, geschweige denn eine andere Farbe als grün gesehen hat. Ziel unserer morgendlichen Reise ist Neustadt/Glewe, irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern. Wir wissen das nicht so genau.

Und nun sitzen wir da, in einem wunderschönen Wartezimmer. Leider habe ich mir nichts zum Lesen mitgenommen. Mit den hier rumliegenden Zeitschriften kann ich nicht wirklich was anfangen. „Bundeswehr heute“ oder „Weltbild“ sind bei uns eher nicht begehrt.

Weinige Minuten später werde ich zum Oberstabsarzt gerufen. Der ordnet erst mal an, dass meine Ohren vom Ohrenschmalz befreit werden. Dazu muss eine Spülung durchgeführt werden. Eine echt schöne Prozedur. Mit einer Pumpe wird nicht besonders warmes Wasser durch meine Gehörgänge gejagt.
Was aber nicht das Ohrensausen beseitigt. Somit müssen weitere, wirklich umfangreiche Untersuchungen durchgeführt werden. Dann lerne ich wenigstens das ganze Gelände des StOSanZ, Standortsanitäts-zentrums Neustadt/Glewe, kennen. Denn nun werde ich von Schwester zu Schwester, von Doktor zu Doktor geschickt.
Blutdruck messen, EKG, Rad fahren, wieder Blutdruck messen. Was für ein Stress! Wenn wenigstens etwas dabei rauskommen würde. Am Ende gibt es noch einen Hörtest, bei dem herausgefunden werden soll, wie laut die Ohrgeräusche wirklich sind. Dazu bekomme ich Kopfhörer. Hier werden verschieden laute Töne eingespielt und ich muss sagen, ob sich mein Ohrensausen genauso anhört. Natürlich nicht. Klingt völlig anders. Irgendwie. Oder so. Ach, was weiß ich.
„Tja, Herr Tiesler…“ Hat der Oberstabsarzt gerade „Herr Tiesler“ gesagt? Kennt der denn keine Dienstgrade? Ich hätte einen Tinitus, der allerdings nicht sehr schwerwiegend ist und noch nicht behandelt werden muss. Irgendwie war ich über diese Diagnose alles andere als überrascht. Und dafür bin ich morgens um 4.30 Uhr aufgestanden und in ein mecklenburgisches Kaff gegondelt, um zu erfahren, was ich schon lange weiß?

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Bravo TV: Lori Stern geht

Samstag, den 12. September 1998
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SO 12.09.1998, RTL 2

Riesige Schockwellen gehen über Deutschland hinweg! Es ist etwas Schreckliches geschehen. Millionen Fans sind dabei, Bittschreiben zu verfassen, in den Andachten wird gebetet, daß es vielleicht doch nicht geschehen möge. Aber es läßt sich wohl kaum noch aufhalten! Was, ihr habt es noch nicht mitbekommen? Ihr habt die wichtigste Nachricht der letzten Tage, Wochen, ach was, Monate verpaßt?? Lest ihr keine Zeitungen, seht ihr keine Nachrichten? Na gut, dann sage ich euch jetzt, was los ist. Ich hoffe, ihr habt es euch am Frühstückstisch, in der S-Bahn oder auf dem Klo (wo man so überall Zeitung liest) gemütlich gemacht. Also, ich sag’s jetzt: Lori Stern hat uns nicht mehr gern!
Ja, es ist die bittere Wahrheit: Lori Stern verläßt die RTL 2-Jugendsendung „Bravo TV”! Es wird ein herber Verlust werden, wenn sie uns ab November ganz allein läßt. Wer soll denn dann das „Dr. Sommer-Team” ansagen? Und die nettesten Reportagen über die Backstreet Boys, Caught ln The Act (ach nee, die gibt’s ja gar nicht mehr) und Leonardo DiCaprio ankündigen?
Müssen sich die Macher der Sendung also schon wieder nach ‘ner Neuen umsehen! Lange halten es die Moderatorinnen ja nie bei „Bravo TV” aus! Na gut, Kristiane Backer konnte man vergessen, die mußte ja sogar ihren Namen von Papptafeln ablesen, aber ihre Nachfolgerinnen (Heike Makatsch, Jasmin Gerat) waren ganz passabel. Bin ja wirklich gespannt, wen die als nächstes auftreiben …

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In der AGA (10): Das Havelberglied

Freitag, den 11. September 1998
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Was kann man an einem Freitagvormittag Besseres tun, als hintereinander in einer Gruppe über das Kasernengelände zu latschen, äh marschieren und zu üben, wie man richtig läuft?
Doch für heute hat unser Unteroffizier G. etwas ganz Besonderes angekündigt. Er lässt uns an einen abgelegenen Ort des Geländes marschieren und erklärt uns dann, was uns nun bevorsteht.
In einer Woche sei ja das Gelöbnis in Strausberg und da wollen wir den anderen auch zeigen, was wir hier drauf haben. Und ganz nebebei: Ja, es stimmt: Das Bataillon geht Mitte Oktober für zwei Wochen ins Biwak nach Klietz, ungefähr 30 Kilometer von hier. Wir sind aber nur ungefähr zehn Tage da und marschieren dann zurück nach Havelberg. Das ist dann gleichzeitig unsere Rekrutenprüfung.“ Gemurmel unter uns Soldaten setzt ein.

Aber eigentlich wollte der Uffz ja was Besonderes mit uns machen. „Wir lernen heute ein Lied. Wir lernen, während des Marschierens zu singen. Das Havelberglied.“ Er zieht einen Zettel aus der Brusttasche und liest vor.
„In Havelberg am Havelstrand,
da dienen wir mit Herz und Verstand.
Tsching tschinging bajuh, tsching tschinging bajuh.
Und die Sonne scheint weit über das Land.“
Wir sehen uns ein wenig belustigt an. Tsching tschinging bajuh? Was soll das denn?
„Am Havelstrand sind wir zu Haus,
im Brückenbau kennen wir uns aus.
Tsching tschinging bajuh…“
Und bleibt ja nichts anderes übrig. Wir marschieren los und versuchen im Rhythmus des Marsches zu singen. „In Havelberg… am Havelstrand… da dienen wir… mit Herz und Verstand… Tsching tschinging bajuh… Tsching tschinging bajuh… und die Sonne scheint… weit über das Land.“
Irgendwie muss das nicht allzu gut geklungen haben, denn G. verzieht sein Gesicht. „Das ist doch nicht Ihr Ernst, oder?!“
Und wir marschieren wieder los, G. zählt den Takt. „Links… zwo… drei…vier… links… zwo… drei… vier… zweite Gruppe… ein Lied…“ Jetzt ruft jeder seinem Hintermann den Namen des Liedes, das jetzt gesungen werden soll. „Havelberglied“ – „Havelberglied“ – … Und dann der Letzte: „Drei… vier… Die Kompanie… in der wir sind… die macht uns heiß… und schnell wie der Wind… Tsching tschinging bajuh… Tsching tschinging bajuh… und die Sonne scheint… weit über das Land… Und unser Spieß… wär ja so nett… wenn er nur nicht… seine Launen hätt… Tsching tschinging bajuh…“ – „Lied aus!“
Am Ende bekamen wir einen Zettel in die Hand, um das Lied übers Wochenende auswendig lernen zu können.

Und damit ins Wochenende. So richtig mit Freitagnachmittag, Sonnabend und Sonntag! Am Sonntag um 1.00 Uhr müssen wir wieder in der Kaserne sein.

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In der AGA (9): Stellung! Sprung!

Mittwoch, den 9. September 1998
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Für die Havelberger ist es wahrscheinlich schon etwas völlig Normales, dass da plötzlich 36 Soldaten im Trainingsanzug im Gänsemarsch durch ihre kleine Stadt laufen.
Wir haben unsere wunderschöne Elb-Havel-Kaserne verlassen, um im städtischen Freibad unseren Schwimmtest abzulegen. In einer bestimmten Zeit müssen wir dort 200 Meter schwimmen. Und wenn wir das schaffen, sind wir gute Soldaten. Und wenn nicht – dann eben nicht.
Natürlich haben wir auch alle die gleichen Badehosen. Einheitlich blau.

Nun ist es ja nicht unbedingt üblich, dass man an einem September-Vormittag bei nicht ganz 15 Grad ins Freibad schwimmen geht. Aber bei der Bundeswehr ist ja alles ein wenig anders, wie wir alle ja inzwischen wissen.
In mehreren Gruppen mit je sechs Pionieren wird nun also unsere Schwimmfähigkeit getestet. Und es ist schon erstaunlich, wie viele von uns tatsächlich einen wunderbaren „Köpper“ können.
Während alle anderen schon am anderen Ende des Beckens sind, rudert Pio H. wie wild mit den Armen. Was am Becken eine allgemeine Heiterkeit auslöst. Ein wenig hilflos rudert er weiter. „Schwimmen Sie zum Beckenrand! Aber plötzlich!“, schreit G. Mit letzter Kraft kann sich der Pio retten. H. Kann nicht schwimmen – und das hätten die Offiziere schon gern vorher gewusst.

Was ich vielleicht noch erwähnen sollte (wenn auch sehr ungern) ist, dass natürlich auch ich ins Becken musste. Okay, ich bin nicht ertrunken. Besonders schnell war ich aber auch nicht. Während die anderen das Becken bereits wieder verlassen haben, drehte ich noch weiter meine Runden. Dauerte eben ein bisschen länger. Ich lag weit, weit, sehr weit über der geforderten Zeit. Ich bin ein schlechter Soldat. Aber das ist ja wirklich nichts Neues mehr für mich.

Nach dem wieder mal sehr schmackhaften und stressfreien Mittagessen, steht uns eine ganz besondere Aufgabe bevor. Wir sollen zum ersten Mal unsere kleinen Zelte (oder auch „Hundehütte“ oder „Dackelgarage“) aufbauen. Dazu haben wir auf einer plattgelatschten Wiese der Kaserne Stellung bezogen.
Glücklicherweise habe ich, das deutschlandweit bekannte Schwimm- und Technikgenie, Patrick dabei, der das auch einigermaßen hinbekommt. Er gibt Anweisungen, ich gehorche. Ob ich’s dann auch richtig mache, ist dann eine ganz andere Frage.
Das Leben eines Bundeswehrsoldaten hat ja viele interessante Facetten. Nichts ist bei ihm so, wie es im normalen Leben ist.
So latscht ein sich im Einsatz (oder besser: im Gelände) befindlicher Soldat nicht einfach so übern Acker. Nein! Weit gefehlt!! Das Stichwort lautet „Stellung und Sprung“. Wo eben noch unsere Zelte standen, stehen wir jetzt nebeneinander in einer langen Reihe. G. erklärt uns nun, was es mit „Stellung und Sprung“ auf sich hat: „Stellen Sie sich vor, Sie sind im Gelände. An jeder Ecke könnte der Feind lauern. Da können Sie sich nicht einfach so übers Feld rennen. Sie springen von Stellung zu Stellung! In der Stellung liegen sie auf dem Bauch und beobachten Ihr Umfeld. Sprung bedeutet, dass Sie die Stellung verlassen, um so schnell wie möglich, vielleicht sogar unbemerkt vom Feind, in die nächste Stellung zu springen…“„Stellung!“, schreit unser Gruppenführer. Im gleichen Augenblick schmeißen wir uns ins Gras. „Sprung!“ Wir springen auf. Doch ehe wir vielleicht zwei, höchstens drei Schritte gemacht haben: „Stellung!“ – – „Sprung!“ – – „Stellung!“
Das schafft. Aber wir werden überleben. Der Feind kann uns nichts anhaben…

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In der AGA (8): Regelmäßig waschen!

Dienstag, den 8. September 1998
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Dienstag. Noch drei Tage bis zum Wochenende. Der Tag fing schon mal blendend an. Beim Frühstück war die Nuss-Nougat-Creme alle. Wir waren heute einfach zu langsam. Das heißt, eigentlich war nur Pionier H. langsam. Aber wir sind ja Kameraden. Da teilt man alles miteinander. Auch den Anschiss. Weil wir wie gesagt zu lahm waren. Wir alle. H. hat es vor dem Antritt nicht mehr geschafft, sich die Stiefel zuzubinden. Kann passieren. Aber unser ganzer Zug, also wir alle, hat wieder einmal kläglich versagt. Sagte zumindest Unteroffizier G. So kamen wir eben später zum Frühstück. Wo die Nuss-Nougat-Creme eben schon längst alle war.

Jetzt ist es kurz nach 7 Uhr morgens. Frisch und munter folgen wir G’s Monolog über das Leben im Feld. Damit ist keineswegs irgend ein Kornfeld gemeint, sondern das freie Gelände, in dem alle Soldaten kampieren. Steht uns auch noch bevor. Nette kleine und große Biwaks. Das Letzte vor der Rekrutenprüfung Ende Oktober soll fast zwei Wochen lang dauern, geht das Gerücht um. Hoffentlich bleibt es nur ein Gerücht.
Viele wichtige Neuigkeiten erfahren wir: „Wichtig ist die regelmäßige Körperpflege, auch zur Vorbeugung von Hautkrankheiten.“ – Hätte ich ja gar nicht für möglich gehalten. Täglich waschen? Wer macht denn so was? Auch täglich rasieren, Strümpfe jeden Tag wechseln, aber niemals Neue – die scheuern an den Stiefeln. Und die Speisereste aus den Zähnen entfernen.
Es wird auch in den folgenden Minuten nicht spannender. Wir erfahren, dass wir uns bei Kälte bewegen müssen, damit uns warm wird, wir unsere Bekleidung nach dem Wetter richten sollen, wir, wenn wir das Essen bekommen, es vorher prüfen sollen, ob es überhaupt essbar ist, wir uns gefälligst um unsere Waffen zu kümmern haben, dass sie uns nicht verrosten und verdrecken und und und. Wir haben echt selten so viel Neues innerhalb von 90 Minuten erfahren. Wie wir eigentlich das Abi geschafft haben, ohne je solche Informationen bekommen zu haben, ist uns völlig schleierhaft.

Und wieder einmal Formaldienst. Endlich wieder an der frischen Luft. Das lässt sich aushalten. Zumal man immer wieder einen neuen Winkel der Kaserne kennen lernt. Dass mit dem Marschieren muss bald klappen, denn schon in zehn Tagen haben wir in Strausberg unser feierliches Gelöbnis. Ob das wirklich feierlich wird, wird sich allerdings noch zeigen.

Man lernt nie aus bei der Bundeswehr. Darum lernen wir jetzt das Landkartenlesen. Und das Karten abmalen. Denn: „Der einzelne Soldat wird nur vorübergehend für einen bestimmten Auftrag eine Karte erhalten.“ Schön, wie sich bei N’s Rezitation gerade herausgestellt hat, kann auch der Stabsunteroffizier lesen. Das beruhigt uns ungemein. „Er muss eine selbst gefertigte Skizze benutzen.“ Und die müssen wir uns jetzt erst mal zusammenbasteln.
Dienstschluss. Ein Tag, der für uns Soldaten viele wichtige und noch nie gehörte Informationen brachte, geht zu Ende. Das muss man alles erst mal verdauen.
Morgen ist Mittwoch. Halbzeit.

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In der AGA (7): Formaldienst

Montag, den 7. September 1998
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“Dritter Zug – Aufsteeeeehn!“ – Montag. Montagfrüh, noch sehr früh. 4.59 Uhr, um genau zu sein. In dieser Woche ist es Unteroffizier G., der die Ehre hat, uns aus den Betten zu schreien. Habe ich überhaupt geschlafen? Ich weiß es nicht so genau.
Um kurz vor eins erst sind Patrick und ich hier in Havelberg angekommen. Die paar Stunden in der Heimat sind rasendschnell vergangen.

Die Stimmung im Waschraum ist auf dem Nullpunkt. Es wird wenig geredet an diesem Morgen. Zu groß ist der Frust darüber, dass das Wochenende noch in so weiter Ferne ist.
Während wir uns unsere Uniformen anziehen, dudelt aus Patricks Weltempfänger, an den er glücklicherweise gedacht hatte, fröhliche Musik. Wir sind sogar zu missgelaunt, um festzustellen, dass das Gedudel unerträglich ist. Aber immer noch besser, als die totale Stille.

Der Vormittag wird uns durch den Formaldienst versüßt. Bevor der allerdings losgehen kann, kontrollieren unsere Ausbilder, ob unsere Schuhe blitz-blank geputzt sind und auch alles andere ordentlich sitzt. Und ist zum Beispiel auf den Stiefeln auch nur der Hauch eines Fleckes erkennbar, riskiert der junge Soldat einen gewaltigen Anschiss. Außerdem darf er auch noch mal auf die Stube zurücktreten, um seine unansehnlichen, völlig verdreckten Stiefel in Ordnung zu bringen. Schafft er das wieder nicht, hat er eben noch mal das herrliche Vergnügen – je nach Laune der Stabsunteroffiziere und des Unteroffiziers. Sind sie gut drauf (Wochenende bei und/oder in ihren Frauen/Freundinnen/Zufallsbekanntschaften), drücken sie schon mal schneller ein Auge zu.
Dabei ist das eigentlich völlig egal, denn nach nur ein paar Metern des Marschierens, sind die Stiefel sowieso wieder fleckig. Dafür sorgt sowohl der Staub und der Dreck auf dem Kasernengelände als auch die hinter einem laufenden Kameraden. Ist ein tolles Gefühl, wenn man einen Tritt in die Hacken bekommt…

Nach dem reichhaltigen, schmackhaften und vor allem gemütlichen Mittagessen kommt ein ganz großer Moment im Leben eines Rekruten. Das heißt, ich hätte auf diesen Moment sehr gut verzichten können… Aber ich hätte ja auch Zivildienst machen können. Ja ja…Also gut: Los, G., zeig’ uns deine Waffen! Wir haben heute das allergrößte Vergnügen, das Gewehr G3 kennen zu lernen. Mit dem Ding in beiden Händen beginnt unser Unteroffizier zu dozieren: „Los, nehmt eure Hefte und schreibt mit! Also: Das Gewehr G3 ist eine automatische… Kommt ihr mit?“ Allgemeines Gestöhne unter den Soldaten, von denen die meisten ein Abi haben. „…ist eine automatische… Handwaffe… Soll ich buchstabieren?“
Dann leiert er noch die genaueren Daten dieses innovativen Gerätes herunter. Natürlich müssen wir die auch notieren. Selbstverständlich müssen wir auch die Sicherheitsbestimmungen in unser Heft (oder auch lose Blattsammlung) krakeln.
Wusstet ihr zum Beispiel, dass man mit der Waffe nicht seine Kameraden erschießen darf? Also, mir war das neu. In den nächsten Tagen und Wochen werden wir mit dem G3 rumspielen dürfen/müssen. Und auch auseinander nehmen und wieder zusammenbauen. Schließlich müssen wir ja sinnvoll beschäftigt werden.

Was ein Bundeswehrsoldat auch können muss, ist, eine Meldung zu schreiben.
Angenommen, also nur mal angenommen: Es ist Krieg. Ich sitze im Schützengraben. Ich muss an den Kompanie-Gefechtsstand eine Mitteilung machen, dass meine Chio-Chips (oder so was) alle sind.
Unser Zugführer, Oberfeldwebel S., erklärt uns, wie man das macht. Die Regel lautet: wo – wann – wer – wie – was. Und so diktiert er sein Beispiel: „Montag, 7.9. in Havelberg festgestellt Abreise des Pferdemarktes. Somit Nachschub von Lübzer Pils nicht mehr gewährleistet. Verfolgung in östlicher Richtung aufgenommen. Bitte um sofortige Weiterleitung an KP-Gefechtsstand.“
Und nun könnt ihr selbst urteilen, was von diesem Beispiel zu halten ist. Es sagt doch einiges über die Herrschaften unserer deutschen Bundeswehr aus…

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