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In der AGA (15): Zusatzdienst

Es ist Freitagmittag und Hauptmann J. richtet seine für diese Woche letzten Worte an uns. Wir sollen doch bitte am Sonntag alle wählen gehen. Das ist leichter gesagt als getan. Da wir hier ständig auf Trapp gehalten wurden, sind wir in den vergangenen Wochen überhaupt nicht dazu gekommen, irgendwas von der Wahlpropaganda mitzubekommen. Der einzige Wahlwerbespot, den ich im Fernsehen gesehen habe, war der von der Partei Bibeltreuer Christen. Und ich werde ich nicht wählen.
J. ruft: „Vierte Kompanie – ins Wochenende weggetreten!“ Und alle: „Hurra!!“ Ich und ein paar andere verzichten aufs „Hurra!!“-Rufen. Es gibt dazu auch gar keinen Grund. Für uns bricht das Wochenende nämlich erst morgen, am Sonnabend, an. Zusatzdienst. Weil wir ja krank waren und nicht mit ins Biwak gefahren sind. Die spinnen doch! Eine Strafe dafür, dass man krank war (allerdings glaube ich nicht, dass es die hohen Tiere auch nur ansatzweise wagen würden, den Dienst als Strafe zu bezeichnen – zumindest nicht öffentlich).

Freitagnachmittag, noch immer in Havelberg, nicht zu Hause. Ein kleines Grüppchen hat sich jetzt auf unserer kleinen Wiese versammelt. Ein Unteroffizier aus einer anderen Kompanie hat die Ehre, uns durch diesen Zusatzdienst zu begleiten. Wer weiß – vielleicht hat er ja auch was verbrochen – vielleicht zu viel gehustet?
Wir werden in kleine Grüppchen aufgeteilt, um das Leben im Feld zu simulieren. Nur dass unser Biwak nicht auf einem Truppenübungsplatz stattfindet, sondern direkt auf dem Kasernengelände. Ist natürlich angenehmer, nur einen 300-Meter-Marsch vor sich zu haben, als 10 Kilometer.
Leben im Feld also. Dazu müssen wir unsere Zelte aufbauen. Toll! Patrick ist nicht da, ich wurde irgend so einem Trollo zugeteilt, dem ich es schon ansehe, dass er nicht sehr helle ist. Zusammen mit diesem Typen fummele ich die Zeltbahnen aneinander und irgendwie bekommen wir das mit den Stäben auch hin, so dass das Ding vollendet wird.

Als nächstes dürfen wir unsere Stellung ausbuddeln. Das ist gar nicht so einfach auf einer Wiese. Zunächst muss das Gras sauber ausgestochen werden. Allerdings wird es nicht irgendwo in die Landschaft geschmissen, sondern zum Tarnen genutzt. Ansonsten würde uns der Feind, der diesmal aus Blauland kommt, sofort abknallen.
Eine mühselige Arbeit. Meine Stellung ist als solche noch nicht unbedingt erkennbar. Mit einem Spaten buddele ich lustlos in meinem Loch herum. „Soll das eine Stellung werden, Pionier?“, ruft der Unteroffizier. Ich ziehe es vor, gar nicht zu antworten. Schließlich will ich morgen nach Hause und nicht einen zusätzlichen Zusatzdienst abfassen. Denen hier traue ich alles zu…

Die dritte Art, uns den Freitagnachmittag zu versüßen, ist, aus unserem Zeltlager, von einem Nest kann man hier ja nicht sprechen, zu unseren Stellungen zu rennen.
Na ja, natürlich nicht rennen. Bei einem Alarm springen wir auf, laufen in gebückter Haltung Richtung Stellung. Ein paar Meter davor schmeißen wir uns auf den Boden und robben den Rest des Weges. Gleiten heißt das offiziell. Ich erreiche meinen kleinen Graben, der mit ein bisschen (mehr) Fantasie eine Stellung sein könnte, als letzter. Mir ist das egal, dem Unteroffizier überraschenderweise auch.

„So, Soldaten! Jetzt ist Nachtruhe“, meint der Unteroffizier. Was wir nicht alles tun, um das Feldleben wirklich realistisch darzustellen! Nachtruhe um 16 Uhr.
Na gut, wenn er das so will, dann machen wir es auch so. Ich ahne allerdings, dass der Typ irgendwas im Schilde führt. Meine Gutgläubigkeit, dass er uns jetzt zwei Stündchen ruhen lässt, habe ich schon lange abgelegt. Also lege ich mich in voller Montur in den Schlafsack.
Tatsächlich kehrt so etwas wie Ruhe ein in unserem kleinen Zeltlager. Zeit, einen kleinen Moment abzuschalten.
„Alarm! Aufstehen, Männer!! Alarm!!“ Wusst ich’s doch, der Penner lässt uns nicht schlafen! Natürlich habe ich durch meine kleine Schummelei eine gute Ausgangsposition. Diesmal bin ich keineswegs der Letzte in der Stellung. Überraschenderweise ist dem Unteroffizier aber auch das egal.

Zeit fürs Frühstück, denn inzwischen ist die Zeit schon ganz schön fortgeschritten. Es ist gleich 17 Uhr.
Die trockenen und harten Kekse sind noch das Beste, was der E-Pack so hergibt. Für Pulverkaffee und was da sonst noch so drin ist, haben wir sowieso keine Zeit – und keine Möglichkeiten, den zu richtigen Kaffee zu machen…

Inzwischen ist es Abend geworden und ich bin ganz allein auf der Stube. Niemand da, meine Zimmergenossen genießen höchstwahrscheinlich gerade das Wochenende. Ich werde morgen den Luxus genießen, bis 6 Uhr schlafen zu dürfen. Am Wochenende darf man eine Stunde länger an der Matratze horchen.

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