Tagesarchiv für 6. September 1998

RTelenovela

In der AGA (6): Physical-Fitness-Test

Sonntag, den 6. September 1998
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Was macht man an einem Sonntag bei der Bundeswehr? Welche sinnvollen Tätigkeiten darf man an so einem Tag verrichten? Sport. Man will uns nämlich testen. Was wir alles draufhaben. Nur, dass das hier nicht einfach „Sporttest“ heißt, sondern die gute alte Bezeichnung „Physical Fitness Test“ verwendet wird. Da wir diesen wichtigen Teil der Grundausbildung leider nicht in unserer inzwischen heiß geliebten Tarnuniform durchführen dürfen, ziehen wir uns alle also die blauen Sportanzüge, nebst der weißen, ungemütlichen Turnschuhe an. In Reih’ und Glied werden wir in die hinter unserem Kompaniegebäude befindliche Sporthalle geführt, die wir alleine bestimmt nicht gefunden hätten. Hier werden wir in drei Gruppen aufgeteilt, die vier verschiedene Tests durchführen werden. Bestehen wir diese Tests erfolgreich, können wir uns sicher sein, dass wir gute Rekruten sind und Volker Rühe uns positiv gewogen ist. Fallen wir durch, dann… dann fallen wir eben durch.

Übung 1: Weitsprung aus dem Stand. Man hat drei Versuche, mit einem Sprung so weit wie möglich zu springen. Und tatsächlich: Mit aller Kraft mache ich einen gewaltigen Satz. Durchgefallen bin ich trotzdem. Der Satz war weit. Aber nicht weit genug. Wenn es also darum ginge, in einen rettenden Schützengraben zu hüpfen, würde ich kläglich versagen…
Übung 2: Könnte man „Hin-und-her-Rennen“ nennen. Es gibt eine Startlinie und eine Ziellinie, die sich in der Mitte der Sporthalle befindet. Zwischen diesen beiden Markierungen müssen wir genau dreimal hin und her hetzen. Und das in einer bestimmten Zeit. Wir haben zwei Versuche. Ich bin mit mir zufrieden. Aber das heißt hier beim Bund noch gar nichts. Nach den Tests müssen wir eine bestimmte Punktzahl erreicht haben. Für mich sieht’s schon jetzt finster aus…
Übung 3: Rumpfbeugen. Ganz nette Sache. Hat mir im Sportunterricht in der Schule schon große Freude bereitet. Hier ist meine Punkteaus-beute schon ein wenig erfreulicher. Aber das allerbeste kommt, wie sollte es anders sein, zum Schluss.
Übung 4: Laufen. 12 Minuten lang. So schnell wie möglich. So weit, wie es geht. Da meine läuferischen Fähigkeiten ziemlich begrenzt sind, werde ich am Ende schon bald von den anderen überrundet. Ich schaffe gut 1900 Meter. Das bedeutet nicht mehr, aber auch nicht weniger als NULL Punkte.
Fazit nach vier Übungen: „Warum um Gottes Willen, haben Sie keinen Zivildienst gemacht?“ – „Das ist eine verdammt gute Frage, Herr Unteroffizier…“

Bevor wir in unser hochverdientes, langes, mehrstündiges Wochenende entlassen werden, findet noch das beliebte Stuben- und Revierreinigen statt. Während die anderen aus meiner Stube die Treppe fegen und wischen sowie alle Leisten und Geländer abwischen, kümmere ich mich, zusammen mit Pionier W., um unsere Stube. Da müssen die Fensterrahmen, die Bettgestelle, die Spinde und die Tische feucht abgewischt werden. Kein noch so kleines Staubkörnchen darf sich in unserem Zimmerchen befinden. Auch der Fußboden muss feucht gesäubert werden. Alles muss blitz-blank sein.
Und das in 20 Minuten, danach treten wir alle wieder auf dem Flur an.

Während wir nun also in einer langen Reihe so rumstehen und uns leise unterhalten, besichtigen unsere Ausbilder unsere Unterkünfte.
Manchmal sind Ausrufe des puren Entsetzens zu vernehmen. Da hat Stabsunteroffizier N. doch tatsächlich noch Staub gefunden. Unter dem Bett. Fast hinten an der Wand. N. hat’s mit eigenen Augen gesehen. Er ist fast drunter gekrochen.
In unserem Nachbarzimmer ist der Spindaufbau nicht perfekt. Spint-aufbau bedeutet, dass die Rucksäcke, Zeltbahnen und -bestecke in einer bestimmten Form oben auf dem Spind zusammengepackt sind. Bei den anderen liegt eine Zeitschrift auf dem Tisch. Ich habe dummerweise ein Buch auf meinem Bett liegen gelassen. Welch ein Fehler! Ich bin ein schlechter Rekrut! Ich lese! Ich besitze ein Buch ohne Bilder! So geht das nicht!
Zum Schluss kommt dann das schönste Bw-Ritual. Beim großen Kompanieantreten vor unserem Gebäude, erzählt uns Hauptmann J., dass wir vorsichtig fahren sollen, schließlich sollen wir ja wohlbehalten wieder zurück kommen und neue Qualen (also, er redet von einem interessanten Dienst, aber ich weiß auch nicht, was er damit meinen könnte) erleben. Am Ende ruft er dann: „Vierte Kompanie – in den Dienstschluss wegtreten!“ Darauf antwortet die versammelte Mannschaft zackig: „Hurra!“
Freiheit. Gut zwölf Stunden lang. Heute Nacht um eins müssen wir zurück sein.
Aber jetzt erst mal ab nach Hause!

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In der AGA (5): Kollektives Ausrasten

Sonntag, den 6. September 1998
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Fast hätte sich unser wohlverdienter Dienstschluss um einiges verzögert. Beim inzwischen für uns routinemäßigen Antreten auf unserem Flur stellte sich heraus, dass unser Zug noch immer nichts gelernt zu haben scheint. Nachdem Stabsunteroffizier J., der Gruppenführer der 3. Gruppe, uns ein paar Dienstabzeichen gezeigt hat und ich nicht der erste war, der mit den Sternen und Kränzen nichts anfangen konnte, fand ein kollektives Ausrasten unserer drei Ausbilder statt. Somit war jede Beständigkeit dahin. Wir hätten gefälligst die Dienstabzeichen zu lernen, damit wir immer wüssten, mit welchem hohen Tier (so drückten sie sich natürlich nicht aus) wir es zu tun hätten. Des weiteren müssten wir auch die Vorgesetztenverordnung (VVO), die wir am Donnerstag beigebracht bekommen haben, drauf haben. Auch unsere Personenkennzahl dürften wir nicht mehr vom Zettel ablesen. Ich glaube, ich kann meine schon. Sie besteht aus meinem Geburtsdatum, dem Anfangsbuchstaben meines Nachnamens und noch aus irgend so einer Nummer. Glücklicherweise fragt G. ausgerechnet mich nach besagter Zahlen- und Buchstabenkombination. Und als ich die ihm tatsächlich auswendig aufsage, ist mir ein kleiner Pluspunkt sicher. Als er meinen Kameraden Sch. fragt, bekommt er dagegen keine Antwort.

Nach Dienstschluss fahren wir mit Patricks Eltern zum Pferdemarkt. Wieder mal ein bisschen rauskommen.

Das Schlimmste ist, dass wir auf unserer Stube nicht mal ein Radio haben, vom Fernsehen ganz zu schweigen. Und da es nicht mal eine Zeitung gibt, verliert man hier vollkommen den Überblick darüber, welcher Tag heute überhaupt ist. Glücklicherweise habe ich meinen Walkman mit, so dass wenigstens ich ein bisschen Radio hören kann. Leider kann man hier weder Energy noch RTL empfangen. Die richtige Musik zu finden, ist also oft problematisch. Fritz spielt oft nur Scheiße, besonders abends. Bei InfoRadio oder MDR Info wird nur gelabert. BB Radio, Radio SAW oder MDR Life spielen entweder Schlager, alte Kamellen, Nachrichten oder Werbung. Es ist nicht zum Aushalten! Das Wort „Charts“ scheint es in dieser Gegend wohl überhaupt nicht zu geben!
Trotzdem: Wenn wir morgen Abend wieder hierher zurück kommen (wir werden wohl hierher zurück kommen müssen), bringt Patrick seinen kleinen Weltempfänger mit, damit es am frühen Morgen nicht so schrecklich still im Raum ist. Wo wir sowieso um diese Uhrzeit alle besonders brummig sind…
Irgendein Radiosender wird sich schon finden…

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